Leiden und Sterben aus philosophischer Sicht

Wenn es um zentrale Kategorien menschlichen Lebens geht, etwa um Fragen nach Sinn und Erfüllung - und mehr noch, wenn es um unseren Ausgang aus dieser Welt geht, um Leiden, Sterben und Tod, dann stellen die Menschen Fragen, für die sie in Zeiten ihres geschäftigen Alltags erfahrungsgemäß keine Zeit, geschweige denn ein 'Bewusstsein' haben. Diejenigen, die sich in ihrem Glauben aufgehoben wissen, suchen dann Antworten bei Vertretern ihrer Religion, ihrer Kirche oder im Zwiegespräch mit ihrem Gott. Andere, die eher kirchen- und glaubensfern durchs Leben gehen, erwarten Antworten etwa von der Philosophie.

Nun haben sich Philosophen seit etwa zweieinhalbtausend Jahren sehr intensiv mit diesen Fragen befasst, und uns liegen nicht nur umfassende theoretische Erkenntnisse und Einsichten diese Themen und Fragen betreffend vor, sondern es sind eben auch lebenspraktische, bis in die Jetztzeit gültige hilfreiche 'Handlungsanweisungen' dokumentiert. Diese 'Handlungsanweisungen' richten sich sowohl auf die Gestaltung eines guten, sinnhaften, erfüllten Lebens, als auch auf den Umgang mit Leid(en) - und nicht zuletzt auf die Vorstellungen von würdigem Sterben und Tod, einem 'guten Tod' – und von dem, was danach sein könnte.

  • Zum philosophischen Denken gehörte und gehört, dass es sich bei seinen Lebensentwürfen nicht auf 'höhere Instanzen' wie Gott und Glauben berufen konnte. Nicht, dass die Philosophen keinen Glauben gehabt hätten – die meisten von ihnen hatten und haben einen – den Glauben an die menschliche Vernunft (zumindest als Möglichkeit). Vernunft allein sollte sie in den Stand der Aufklärung, des aufgeklärten Seins setzen; Aufklärung übrigens, so hat es Immanuel Kant formuliert, als "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit".
  • Der Mensch also als das 'aufgeklärte, rationale, mündige, autonome, selbstbewusste, selbstbestimmt handelnde Wesen'. Solche Selbstbestimmung des Menschen setzt Freiheit voraus, Entscheidungsfreiheit, vor allem aber: Freiheit von Angst, der Angst im Kontext aktueller Lebensgestaltung, aber auch der Angst in Bezug auf das Ende seiner irdischen Existenz. Denn Angst, so wissen nicht nur Psychologen, ist ein schlechter Begleiter für den Menschen. Gerade Philosophen sind daher stets bemüht gewesen, dem Menschen dabei zu helfen, die Angst vor dem Tod, vor seinem Tod zu überwinden – oder sie doch wenigstens zu reduzieren.
  • Beispielhaft genannt sei hier Epikur; er lehrte etwa 300 Jahre v.B.u.Z. unter anderem in Athen. Oberstes Ziel seines Eudämonismus (Glückseligkeitslehre) war es nicht, dem Menschen zu größtmöglichem 'Glück' i.S. individuell-sinnlichen Lustgewinns zu verhelfen, sondern er wollte zuvörderst den Menschen die Angst vor dem Tod nehmen. Kern seiner Lehre war die Überzeugung, dass die Götter sich um nichts kümmerten, weder um die Welt noch um die Menschen, daher brauche man sich auch nicht um sie zu kümmern, geschweige denn sie zu fürchten oder gar sie zu verehren. Der Mensch bestehe einschließlich seiner Seele – wie alle übrigen Dinge – aus Atomen, die mit dem Tod vergingen, d.h. nach dem Tod des Menschen sei (das) "Nichts"; erst so wird seine schlichte Formel verständlich, mit der er seine Schüler zu beruhigen pflegte: "Und der Tod bedeutet kein Übel für den Weisen".

Dieses Bemühen, dem Menschen die Furcht vor dem Tod zu nehmen, zieht sich wie ein roter Faden durch das philosophische Schrifttum von der Antike bis heute: Von Sokrates, von den stoischen und den hier genannten epikureischen Schulen, um nur ein paar zu nennen, bis in die Neuzeit, bis zur Existenzphilosophie, zur Philosophischen Anthropologie und schließlich zu den Ethikdiskussionen der Gegenwart.

In diesen Diskurs hat sich in unserer Zeit unter vielen anderen Wilhelm Kamlah eingebracht (1905 – 1976); er hat uns mit einer kleinen Schrift konfrontiert (Philosophische Anthropologie), in der er sich ausführlich mit dem Problem des Freitods und der Sterbehilfe befasst. Über eine Analyse menschlicher Bedürftigkeit und die Möglichkeiten ihrer Befriedigung kommt er über die Kategorien Grunderfahrung und Grundeinsicht zur so genannten Ethischen resp. Praktischen Grundnorm: Alle Menschen sind bedürftig und aufeinander angewiesen. Wer sich zu dieser Einsicht ernsthaft bekennt, der erkennt damit eine Forderung an, die besagt, dass wir stets so handeln sollen, dass wir den Bedürfnissen anderer Menschen nicht gleichgültig begegnen und uns dabei auch von unseren eigenen ichbezogenen Wünschen lösen. Diese Forderung resp. diese Praktische Grundnorm ist sowohl auf die Frage "Wie sollen wir handeln?" als auch auf die Frage "Wie kommen wir zu einem erfüllten Leben?" anwendbar. Wilhelm Kamlahs Ansatz ist dabei nicht nur eine Frage der Moral, sondern auch der Lebenskunst. Er betont die Bedeutung des Ablassens von eigenen Begehrlichkeiten, um ein gelassenes und ruhiges Leben zu führen. Die Ruhe der Seele ist für ihn - neben anderen Gütern wie etwa der Vitalität -, eine fundamentale Lebensbedingung; damit stellt sich seine Ethik als Verbindung aus einer handlungsorientierten und einer lebensphilosophischen Perspektive dar.

Und plötzlich scheinen zweieinhalbtausend Jahre mühelos überbrückt: Heißt es bei Epikur noch: 'Pflege Deinen Garten und kümmere Dich um Deine Freunde', um über das 'Geben' zur Eudämonie, zum Frieden, zur Ruhe der Seele zu gelangen, so erweisen sich Kamlahs philosophisch-ethische Normen im gleichen Geiste als ars vitae, als Lebenskunst: Über die 'Güter der Vitalität' hinaus, die dem bloßen 'Am-Leben-Bleiben' dienen, hat jeder Mensch den berechtigten Wunsch, gesund, vital und kreativ zu sein, das heißt 'gut leben' zu können, also ein nach ganz subjektiver Einschätzung gelingendes, lebenswertes Leben zu führen. Und dazu gehört auch, dass dort, wo es nicht (mehr) möglich ist, aus welchen Gründen auch immer, oder ein Mensch 'des-Lebens-müde' ist, der Wunsch entstehen kann, dieses Dasein zu beenden – aus eigener Kraft oder mit fremder Hilfe. Wilhelm Kamlah selbst hat die dramatische Konsequenz dieser Überzeugung sozusagen aktiv umgesetzt, indem er sein Leben durch gründlich reflektierten und wohlbegründeten Freitod beendete. Er wollte dies wohl auch als eine Art logischen Schlusspunkt verstanden wissen hinter die lange währende Diskussion um die sich sukzessive verändernde Auffassung der Selbsttötung – weg vom dogmatischen Verbot des 'Selbstmordes' der Kirchen hin zu einer säkularen Bestimmung des Begriffs und Handelns als 'Freitod' – ganz im Sinne philosophisch aufgeklärter Humanität. Damit hat er für sich selbst eine Entscheidung getroffen, die sich als Manifestation einer philosophischen Grundhaltung verstehen lässt, die sich auf die konsequente Zuerkennung menschlicher Grundrechte wie Selbstbestimmung und Autonomie stützt.

Dies könnte der Anfang einer umfassenden neuen Kultur des Sterbens und des Todes sein. Was Philosophie, die ihren Namen verdient, hier leisten kann und muss, lässt sich in drei Kategorien ordnen: Klärung von Begriffen und Inhalten, Analyse der Probleme und das Erarbeiten resp. Aufzeigen und Anbieten von Handlungsmöglichkeiten. Konkret bedeutet das, dem Menschen in Zeiten, in denen er gesund und stark ganz darauf konzentriert ist, seinen Lebensplan zu verwirk-lichen, ja, gerade dann ihm seine Sterblichkeit bewusst zu machen und ihn mit der Situation zu konfrontieren, dass er sein Leben eben nicht mehr selbst gestalten kann – und, wichtiger noch, ihn mit den zwingenden Konsequenzen nicht allein zu lassen. 

Dies mag paradox erscheinen, und doch gehört es zu kluger Lebensgestaltung dazu, das unausweichliche Ende und die Vorbereitung darauf im Verlauf des aktiven Lebens im Blick zu behalten. Die aktuell neu- oder wiederentdeckte Lebensphase: "Leben vor und bis zum Tod" stellt den Menschen dabei vor ungewohnte Herausforderungen: Der allenthalben geäußerte Wunsch nach einem erträglichen Ende, - bei den philosophischen Denkern zu Zeiten des Sokrates und seines Schülers Platon hieß das noch nach einem 'guten Tod'-, dieser Wunsch bezieht sich erfahrungsgemäß zumeist auf ein Sterben ohne Schmerzen. Dass diese (Lebens-)Phase für den Betroffenen aber etwas Anderes ist oder zumindest sein kann, als sich mehr oder weniger leidend von dieser Welt zu verabschieden, das wollte und will Philosophie seit jeher mit ihrer Kernbotschaft vermitteln: Zu einem erfüllten, 'guten Leben' gehören 'gutes Sterben' und ein 'guter Tod'. Neben der umfassenden palliativ-medizinischen Betreuung, zu der neben der Symptom- und Schmerzkontrolle auch die offene Kommunikation mit Ärzten und Pflegepersonal gehört, sollte es deshalb im Idealfall eine spirituelle Begleitung geben; diese mag – je nach den Bedürfnissen des Betroffenen -, eher philosophischen oder auch religiösen Geist atmen; sie ist in jedem Falle wünschenswert im Sinne behutsamer, 'erfolgreicher' Sterbebegleitung, wenn sie den Patienten in seiner Individualität, d.h. seiner persönlichen Einmaligkeit bejaht und bestätigt, ihm dabei hilft, sein Leben zu reflektieren, günstigenfalls schmerzende Konflikte zu lösen, seine Glaubensfragen zu bearbeiten, sich als von der Familie und den Mitmenschen angenommen und geschätzt zu fühlen, die eigene Lebensspanne als erfüllte Zeit anzunehmen - und so in Frieden gehen zu können.-

Dr. phil. Hans-Joachim Hupe
lebt in Schleswig und betreibt philosophische Lebensberatung